Freitag, 14. April 2017

031 Die alten Leutchen von Paris


Manchen dieser alten Leutchen von Paris ist eine Freundlichkeit ins Gesicht geschnitten, wie wenn sie jemand auf einem Gemälde verewigt hätte, um ihnen zu schmeicheln. Dabei ist das nicht erfunden. Da erreichen sie langsamen Schritts und über den Trottoir stöckelnd das Café, haben der Wanduhr und den schnellen Getränken an der Theke, auch dem Marktgeschrei da draußen den gekrümmten Rücken zugewandt und verständigen sich mit langsamen, wenigen Sätzen kaum hörbar, wispernd und krächzend. Sie haben ihren festen Platz am Tischchen in der linken Ecke des „Reinitas“, und das tägliche Wort zu Wort mit dem Wirt ist ihnen garantiert. Nur noch aus Gewohnheit kreuzen sie hinter dicken Brillengläsern die Lottozahlen an, indem sie diese erst einmal unter die Lupe nehmen. Glaub nicht, es hätte keine Täler und Schluchten in ihrem Leben gegeben. Nur sind sie nun an diesem Ort angekommen, ohne sich vorher verloren zu haben. Und so hat sich dieses Lächeln, diese nicht mehr veränderbare Form ihrer Lippen und dieses Abendsonnenblinzeln lithographisch in ihr Antlitz eingraviert als das, was nach allem bleibt. Ich sitze am Fenster zur Rue du Poteau und suche weiterhin das Vorübergeh´n.Ich laufe all die Bewegungen auf der Straße mit meinen Augen ab auf der ruhelosen Suche nach der besonderen Schönheit. Ich irre durch vorüberflanierende Labyrinthe. Ich haste mit meinem Netz nach der Vielzahl der einstürzenden Bilder. Nichts aber bekomme ich eingefangen. Nur die eigene Erschöpfung.Erst als mein Blick zufällig nach gegenüber zu den alten Leutchen schweift, halte ich inne. Als würde mich jemand sanft an der Hand nehmen und diese nicht mehr loslassen, wo ich doch schon wieder am Fortrennen bin. Als würde mir jemand einen Stuhl zum Sitzen anbieten und mich auf einen Café creme einladen.